Themenheft: Afropolitanismus. Deutsche afro-diasporische Literatur und andere Literaturen afrikanischer Abstammung – kritische Dialoge.
Afropolitanismus. Deutsche afro-diasporische Literatur und andere Literaturen afrikanischer Abstammung – kritische Dialoge.
Catarina Caldeira Martins - catarina.martins@fl.uc.pt
Erica Schlude Wels - eswels@letras.ufrj.br
Cleydia Regina Esteves - cleydia@letras.ufrj.br
Einreichung der vollständigen Artikel: bis zum 30. Mai 2026.
In den 1980er Jahren begannen Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland sich als Afrodeutsche Bewegung zu bezeichnen (Eggers, 2006). Der Begriff „Afrodeutsche“ wurde von der afroamerikanischen feministischen Dichterin Audre Lorde (1934–1992) für schwarze Frauen afrikanischer oder afroamerikanischer Abstammung geprägt, die in Deutschland geboren wurden, sich aber aus rassistischen Gründen von der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen fühlten. Etwa zur gleichen Zeit erschien das Buch Farbe bekennen: Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte (1986), das von May Opitz, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegeben wurde. Es handelt sich dabei um eine Studiensammlung, ausgehend von der Kolonialzeit bis heute, zur Geschichte der Frauen afrikanischer Herkunft in Deutschland, die noch durch autobiografische Berichte und Interviews ergänzt wird. Es existiert heute bereits eine Anzahl schwarzer Schriftsteller und dabei insbesondere Schriftstellerinnen, die auf Deutsch schreiben. Dies integriert sich in den Forschungsbereich der Black Studies allgemein, als auch speziell in den Black Studies in Europa. Unter diesen Schriftstellern ragen die verstorbene Dichterin May Ayim (1960–1996) mit ihrem 1995 erschienenen Band „blues in schwarz weiss: Gedichte“ hervor, und die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo, die 2016 mit der Kurzgeschichte „Herr Gröttrup setzt sich hin“ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Ihr Roman „Adas Raum“ (2021) festigt ihren Ruf als eine der führenden Figuren dieser Literatur.
Die Geschichte Schwarzer Menschen wurde erst durch das Buch „Farbe bekennen“ sichtbar, und als Gründungsdokument ermöglichte es, eine Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur aus einer unsichtbaren Perspektive, die durch den Begriff des „Deutschseins“ selbst zur Nichtexistenz verurteilt ist.
In einer Nation, die sich nicht nur als Weiß versteht, sondern sich selbst als Inbegriff der Weißheit betrachtet, wird die Zugehörigkeit einer Afrodeutschen Gruppe zur Bevölkerung tatsächlich als Widerspruch in sich selbst betrachtet (Wright, 2004). Dementsprechend erläutern Ngien-Ha et al. (2007), El-Tayeb (2011) und Martins (2016, 2024, 2025), dass es im deutschen Bewusstsein keinen Platz für „People of Colour“ gibt. Menschen, die sich dabei gegenüberstehen, sind mit den inneren Grenzen der eigenen Vorstellungen konfrontiert. Sie sind „Undeutsch“ (El-Tayeb, 2016): der Andere, der das Ich definiert, ohne aufzuhören, Deutscher zu sein. Dies impliziert notwendigerweise eine Transformation der Auffassung von „Nation“ selbst oder gar die Überwindung dieses Paradigmas (Martins, 2016, 2024, 2025), wie Fatima El-Tayeb (2011) mit dem Konzept des „Queering“ vorschlägt. Dieses Konzept versteht man als radikale Dekonstruktion der Fiktionen ethnischer Homogenität, die die Vorstellungen von der Nation (Anderson, 1983) des westlichen Modells verkörpern, das heute von den verschiedenen „Imperien“ globalisiert wird.
Das Buch Farbe bekennen ermöglicht es uns zu begreifen, wie relevant ein postkolonialer oder dekolonialer Ansatz für die deutschsprachige Kultur ist (Ngien-Ha et al. 2007). Jüngste Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass die verschiedenen Entstehungswellen der afrodeutschen Gemeinschaft in Deutschland – Nachkommen der Kolonien des ehemaligen Kaiserreiches, Nachkommen französischer/britischen schwarzen Soldaten nach der Rheinlandbesetzung (deutsche Niederlage im 1. Weltkrieg ), Nachkommen stationierter amerikanischer schwarzer Soldaten nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland, sowie die Welle der heutigen Migration – entscheidend für das Verständnis historischer Prozesse wie des Nationalsozialismus, der Nachkriegszeit und der deutschen Wiedervereinigung und sogar des aktuellen Aufstiegs der extremen Rechten sind.
Gleichzeitig impliziert die Geschichte schwarzer Menschen im deutschsprachigen Raum auch eine Neubewertung des Diaspora-Konzepts (El-Tayeb, 2011) und der komplexen Prozesse der Rassifizierung und des Rassismus, die sich je nach Kolonialgeschichte und -erinnerung der jeweiligen Länder unterschiedlich entwickeln. In Europa hat sich das Konzept der Afro-Europäer als transnationale afro-diasporische Gemeinschaft etabliert, die sich von Berlin über London, Paris und Brüssel bis nach Barcelona und Lissabon und Rom erstreckt, mit Verbindungen in ganz Amerika, insbesondere in die USA und nach Brasilien (Thomas 2014). In diesem Kontext erweist sich das von Achille Mbembe (2020) und Taiye Selasi (2005) vorgeschlagene Konzept des Afropolitanismus als relevant für ein umfassendes Verständnis der afro-stämmigen Diaspora-Gemeinschaften weltweit, welches sowohl Gemeinsamkeiten als auch die Besonderheiten berücksichtigt: 1) die sich aus ihren jeweiligen räumlichen und zeitlichen Dimensionen ergeben. 2) ihrer Vorstellungskraft und Identitätsbildung; 3) Migrationsprozesse und die Zirkulation von Menschen und Ideen; 4) ihr Verhältnis zu kolonialen und postkolonialen sozialen und politischen Prozessen; 5) ihr Verhältnis zur nationalen Identität oder zu postnationalen Formationen; 6) die konkrete Analyse rassistischer Unterdrückungsprozesse und intersektionaler Widerstandsformen; 7) ihr Verständnis von künstlerischen und literarischen Praktiken.
Dieses Dossier möchte zur Weiterentwicklung dieser Überlegungen beitragen und lädt zur Einreichung von Artikeln ein, die sich auf afrodeutsche Literatur im deutschsprachigen Raum oder auf künstlerische Ausdrucksformen konzentrieren, die die Erfahrungen der Afrodeutschen Gemeinschaft des deutschsprachigen Raums im Dialog mit anderen afrodiasporischen Literaturen und künstlerischen Ausdrucksformen widerspiegeln, und die es ermöglichen, die oben genannten Punkte zu beleuchten. Die Einzigartigkeit der deutschen afrodescendenten Erfahrung wird als zentraler Bezugspunkt für erneuerte kritische Perspektiven im Rahmen postkolonialer und dekolonialer Studien, der kritischen Rassentheorie und der Rassismusforschung, der Diasporastudien, der Black Studies sowie der Studien zu Erinnerung und Nation betrachtet, einschließlich feministischer, queerer und intersektionaler Blickwinkel.
Referenzen:
Aitken, Robbie / Eve Rosenhaft (2013): Black Germany. The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884–1960. Cambridge and NY: Cambridge UP.
Campt, Tina (2005): Black Germans and the Politics of Race, Gender, and Memory in the Third Reich. Ann Arbor: The University of Michigan Press.
Eggers, Maureen Maisha (2006): „Positive Eigenbilder, die Diaspora als zentrale Referenz, Identitätsspektren und Zusammenschlüsse“. In: Dossier Schwarze Community in Deutschland, Heinrich Böll Stiftung. Heimatkunde. Migrationspolitisches Portal https://heimatkunde.boell.de/2006/05/01/positive-eigenbilder-die-diaspora-als-zentrale-referenz-identitaetsspektren-und (25.10.2021).
El-Tayeb, Fatima (2011): European Others. Queering Ethnicity in Postnational Europe. Minneapolis: University of Minnesota Press.
El-Tayeb, Fatima (2016): Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der Postmigrantischen Gesellschaft. Bielefeld: transcript.
Martins, Catarina (2016): „Gegen den deutschen Spiegel schreiben. Selbstbilder schwarzer Frauen in Deutschland“. In: Von Hoff, Dagmar et al (Org.). Einschnitte: Signaturen der Gewalt in textorientierten Medien. Würzburg: Könnigshausen & Neumann, p. 113-132.
Martins, Catarina (2024): „Die inneren Grenzen der (schein)einheitlichen Nation. Herausforderungen der Literatur- und Kulturwissenschaften ausgehend von der Literatur Schwarzer Frauen in Deutschland: May Ayim und Sharon Dodua Otoo”. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 54, 827–847 (2024). https://doi.org/10.1007/s41244-024-00354-1
Martins, Catarina (2025): Fronteiras perdidas: desafios aos pressupostos (ainda) filológicos dos Estudos da Cultura pelas diásporas Negras em Portugal e na Alemanha. Via Atlântica, São Paulo, v. 26, n. 1, pp. 337-367, maio 2025 DOI: 10.11606/va.v26.n1.2025.207008
Mbembe, Achille / Laurent Chauvet (2020): “Afropolitanism”. Journal of Contemporary African Art, Duke University Press Number 46, May 2020, pp. 56-61.
Nghi Ha, Kien / Nicola Lauré al-Samarai / Sheila Mysorekar (2007) (Hg.): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Münster: Unrast.
Oguntoye Katharina / May Opitz / Dagmar Schultz (Hg.) (1986): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Berlin: Orlanda Verlag.
Otoo, Sharon Dodua (2021): Adas Raum. Frankfurt a.M.: Fischer.
Otoo, Sharon Dodua (2022): Herr Gröttrup setzt sich hin. Frankfurt a.M: Fischer.
Selasi, Taiye, “Bye-Bye Babar”. In: The Lip, (March 3, 2005). http://thelip.robertsharp.co.uk/?p=76 (23.09.2022).
Wright, Michelle (2004): Becoming Black. Creating Identity in the African Diaspora. Durham and London: Duke University Press.