Themenheft: Deutschsprachige Schweizer Literatur.
Deutschsprachige Schweizer Literatur.
Daniel Reizinger Bonomo (UFMG) - drbonomo@gmail.com
Valéria Sabrina Pereira (UFMG) - valeriasabrinap@gmail.com
Marcelo Rondinelli (UFMG) - rondinellimarcelo@yahoo.com
Einreichung der vollständigen Artikel: bis zum 16. August 2026.
Lange Zeit wurden alle literarischen Werke, die in deutscher Sprache verfasst wurden, unter dem Begriff „deutsche Literatur“ zusammengefasst, ohne dabei die Besonderheiten der drei Hauptnationalitäten, die unter diesem Begriff gefasst wurden beteiligt waren, nämlich Deutschland, Österreich und die Schweiz, groß zu unterscheiden. Infolgedessen wurden die österreichische und die schweizerische Literatur fast immer unter dem Oberbegriff „deutsche Literatur“ geführt. Diese Einheit ermöglichte zwar einerseits, die Verbindungen innerhalb derselben Literaturkultur zu sehen, verdeckte aber andererseits auch die Relevanz bestimmter lokaler Besonderheiten innerhalb dieser Kultur und sorgte für eine Hierarchie ihrer Einflussbereiche in Bezug auf den Sprachgebrauch oder die Behandlung von Motiven und Themen zu etablieren.
Infolgedessen gab es in jüngerer Zeit Publikationen, die sich mit den Besonderheiten der österreichischen Literatur, beispielsweise Eine Literaturgeschichte: Österreich seit 1650 von Klaus Zeyringer und Helmut Gollner (Übersetzung ins Portugiesische koordiniert von Ruth Bohunovsky), und der deutschsprachigen Schweizer Literatur, beispielsweise Schweizer Literaturgeschichte von Peter Rusterholz und Andreas Solbach (Hgg.) befassen. Um einen der einzigartigen Aspekte hervorzuheben, mit denen deutschsprachige Autoren in der Schweiz konfrontiert sind, zitiert die Schweizer Literaturgeschichte Friedrich Dürrenmatts suggestive Unterscheidung zwischen Vater- und Muttersprache: „Der deutschschweizerische Schriftsteller bleibt in der Spannung dessen, der anders redet als er schreibt. Zur Muttersprache tritt gleichsam eine ‚Vatersprache‘. Das Schweizerdeutsche als seine Muttersprache ist die Sprache seines Gefühls, das Deutsche als seine ‚Vatersprache‘, die Sprache des Verstandes, seines Willens, seines Abenteuers” (zitiert nach RUSTERHOLZ; SOLBACH 2007, S. XII). Jedoch ist das Sprechen eines Dialekts und das Schreiben im sogenannten Hochdeutsch oder Standarddeutsch, wie es in der Schweizer Variante genannt wird, nur eines von vielen Themen, mit denen sich Autoren der Schweizer Literatur auseinandersetzen müssen. Ihre eigene Geschichte und Natur, ihre angebliche politische Neutralität, ihr effektiver Multikulturalismus und dessen Auswirkungen auf die Definition einer nationalen Identität sowie der jüngere Kontext der Migration bieten weitere Themen für Überlegungen und Studien in diesem Bereich.
Schließlich müssen wir noch die Komplexität der individuellen Autoren und Werke bei der Entstehung der modernen Schweizer Literatur hinzufügen, darunter Namen wie Johann Jakob Bodmer und Johann Heinrich Füssli im 18. Jahrhundert; Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer während des historischen Realismus; an der Wende zum 20. Jahrhundert den Nobelpreisträger Carl Spitteler (der in Brasilien von Manuel Bandeira übersetzt wurde); Robert Walser, Hermann Hesse und die Dadaisten des Cabaret Voltaire während der Moderne; Max Frisch, den bereits erwähnten Friedrich Dürrenmatt, Peter Bichsel, und nicht zu vergessen den Avantgarde-Dichter Eugen Gomringer, Vorläufer der Konkreten Poesie in der Nachkriegszeit; in der zeitgenössischen Literatur Franz Hohler, Pedro Lenz, Christian Kracht, Lukas Bärfuss, Meral Kureyshi und viele andere. Schließlich sollen Phänomene wie die Kinderbuchklassiker Der Schweizerische Robinson von Johann David Wyss und Heidi von Johanna Spyri nicht vergessen werden, ebenso wie der Bestseller Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier (Pseudonym von Peter Bieri), und die Krimis von Martin Suter. In dieser Ausgabe von Pandaemonium Germanicum begrüßen wir daher Beiträge, die sich mit den verschiedenen Autoren, Werken und Themen der deutschsprachigen Schweizer Literatur aus verschiedenen Perspektiven befassen. Artikel zu den Übersetzungen und der Rezeption solcher Autoren in Brasilien sind ebenso willkommen wie komparatistische Arbeiten.
Bibliographie:
GOLLNER, Helmut; ZEYRINGER, Klaus. Áustria: Uma história literária – Literatura, cultura e sociedade desde 1650. Übers. Ruth Bohunovsky. Curitiba: Ed. UFPR, 2019.
MATT, Peter von. Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz. München: Hanser, 2012.
PEZOLD, Klaus (Hg.). Geschichte der deutschsprachigen Schweizer Literatur im 20. Jahrhundert. Berlin: Volk und Wissen, 1991.
RUSTERHOLZ, Peter; SOLBACH, Andreas (Hgg.). Schweizer Literaturgeschichte. Stuttgart; Weimar: Metzler, 2007.